Artikel drucken






Jesus in Hannover - Teil 3



Ausschnitt aus meiner Lebensbiographie

...Er hatte sich zwei Bratwürstchen und eine heiße Tasse Kaffee gekauft, die er nun ebenso langsam und bedächtig aufaß, wie vorher sein Brötchen.

Mit einem Gefühl des Glückes stand ich auf und ging zu meiner Unterkunft. Ich wusste, ich hatte etwas Gutes getan und vielleicht hatte ich ja auch wirklich Jesus Christus getroffen. ...mehr In der Nacht ging mir diese arme Seele nicht aus dem Kopf und ich nahm mir vor, ihm an nächsten Tag ein ganzes Brathähnchen zu kaufen, denn ich meinte, ein Hähnchen wäre doch nahrhafter als eine Bratwurst.

Am nächsten Abend hatten sich dunkle Wolken am Himmel aufgezogen und ein kräftiger kalter Wind zog durch die Gassen. Ich ging zu meiner Fleischerei und holte mir zunächst ein halbes Hähnchen, dass ich an einem Stehtisch in dem Laden auf aß. Dann kaufte ich zwei halbe Hähnchen und eine große Flasche Wasser, ging nach draußen, aber mein Freund war nicht da.

Enttäuscht stand ich nun auf der Straße und wusste zunächst nicht, was ich machen sollte. Ein ganzes Hähnchen hatte ich in der Tüte und kalt schmeckte es ja nicht so richtig. Ich selber hatte bereits mittags in der Kantine gegessen und gerade eben ja noch das halbe Hähnchen.

Ich schaute mich um und zog meine Jacke etwas fester zu. Leichte Regentropfen hatten sich zwischenzeitlich zu dem eisigen Wind gesellt. Nein, so wollte ich nicht in meine Unterkunft, ich wollte wenigstens versucht haben, ihn ausfindig zu machen. Er konnte ja eigentlich gar nicht weit entfernt sein, denn so langsam, wie er sich immerzu bewegt hatte, musste er einfach irgendwo in der Nähe sein.

Auf meinem Weg durch die Seitenstraßen stand ich plötzlich in einer Straße, in der offensichtlich Bordsteinschwalben ihren Dienst taten. Diese Straße hatte ich bisher nicht gesehen, denn sie lag etwas abseits der gut besuchten Fußgängerzonen. Hier und da standen einige junge Damen in geöffneten Eingangstüren und lockten mit ihren direkten Blicken jeden Mann an, der sich in dieser Straße verirrt hatte. Ich aber wollte meinen Freund finden und ließ mich auf kein Gespräch ein.

Nach etwa zwei Stunden Suche hatte ich die Hoffnung aufgegeben. Immer weiter hatte ich mich von meiner Unterkunft entfernt, mir war kalt und meine Jacke und meine Haare waren durch den leichten Nieselregen bereits merklich feucht. Quer durch die Nebenstraßen trat ich meinen Heimweg an, wobei ich nun keine Menschen mehr sah, ich wollte einfach schnell nach Hause.

Kurz vor meiner Unterkunft sah ich unter einer Balkonbrüstung jemanden liegen, der sich offensichtlich in einen Schlafsack eingemümmelt hatte. Es war mein Freund, den ich so lange gesucht hatte. Wäre ich gleich zu meiner Unterkunft zurück gegangen, ich hätte mir die lange Suche ersparen können. Ich ging auf ihn zu und sah in diese traurigen Augen, die mich teilnahmslos ansahen.

"Ich habe Ihnen etwas zu Essen mitgebracht!" sagte ich leise und stellte ihm die Tüte und die Flasche Wasser auf den Boden. Er richtete sich auf ohne etwas zu sagen, öffnete die Tüte und angelte sich mit seinen schmutzigen Fingern eines der halben Hähnchen. Sichtlich hungrig biss er in die gegrillte Haut, wobei Fett und Gewürzrückstände an seinem dichten Bart hängen blieben.

Kein Wort kam über seine Lippen. Seine Hände trieften vor Fett und sein Bart war so breitflächig verschmutzt, als wenn ein kleines Kind seine erste Mahlzeit alleine zu sich nahm. Ohne Pause zu machen, nahm er dann die zweite Hälfte des Hähnchens und biss genauso begierig in die braune Haut, als wenn er bisher noch nichts zu sich genommen hätte.

Ich kniete lange vor ihm, bis ich ihn weiter ansprach und fragte: "Wie heißen Sie, wenn ich fragen darf?" "Helmut" war die kurze Antwort, ohne dass er mich überhaupt angeschaut hatte. Aus Köln war er gekommen und nun seit drei Monaten in Hannover. Mehr konnte ich diesem Menschen nicht entlocken.

Langsam stieg mir ein Duft entgegen der mich stark an den Pferdestall meines Großvaters aus meiner Kindheit erinnerte. Alt und speckig waren seine Klamotten. Seine fettigen Finger wischte er an seinen Parker trocken und plötzlich durchzog mich ein Gefühl von Unwohlsein. Läuse! Dieser Mann hatte bestimmt Läuse!, sagte eine innerliche Stimme und die wollte ich mir wegen meiner Gutmütigkeit nicht auch noch einfangen. Ich stand auf und fühlte mich genötigt zu sagen: "Hoffentlich hat es Ihnen geschmekt!" "Hmm!" antwortete er, zog seinen Schlafsack wieder hoch und drehte sich zu Seite, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen. Nein, ich war mir sicher, das war Jesus Christus nicht.

In den nächsten Tagen und Wochen habe ich an den Frühabenden immer wieder Ausschau nach ihm gehalten, ich wollte ihm gerne noch etwas zu Essen kaufen, aber er war nicht mehr da. Ob mir doch Jesus Christus begegnet war?

Ende

Beitrag aus der Rubrik Erlebnisse



Artikel von http://www.wilhelm-janssen.de/
wilhem-janssen.de - Geschichten aus der Heimat


Sämtliche Logos und eingetragene Warenzeichen sind Eigentum der jeweiligen Besitzer. © wilhelm-janssen.de