Artikel drucken25.12.2004 |
Jesus in Hannover - Teil 2 |
|
Ausschnitt aus meiner Lebensbiographie ... Irgendwann griff er in die Tasche seines Parkers und holte eine kleine verbeulte Blechdose heraus, die silbrig schimmernd nicht größer als eine Puckscheibe sein konnte. Er öffnete die Dose und stellte beide Hälften vor sich auf den Boden. Offensichtlich war die Dose leer. ...mehr Dann griff er wieder in die Tasche seines Parkers und zog eine ganz kleine Mundharmonika hervor. Er setzte es an seine Lippen und pustete und zog langsam und unbeholfen in das Instrument hinein. Als wenn er eine schöne Melodie hörte, bewegte er wieder seinen Körper in apathischen Bewegungen vor und zurück. Kaum hörbare Töne pustete er lange Zeit den Menschenmassen entgegen, ohne dass ihn überhaupt jemand zu bemerken schien. Nach etwa einer halben Stunde hatte ein etwa fünf Jahre altes Mädchen ein Geldstück von seiner Mutter erbettelt, um es in die kleine Dose zu legen und eine alte Dame hatte ihre Geldbörse geöffnet und auch ihren Teil gegeben. Keine Geste war diesem Mann zu entlocken. Immer nur starrte er geradewegs in ein Nichts und apathisch hielt er seinen Oberkörper in Bewegung. So plötzlich wie er angefangen hatte zu spielen, so plötzlich hielt er auf und steckte seine Mundharmonika wieder in die Tasche des Parkers. Wieder starrte er in ein Nichts, ohne zunächst den Inhalt seiner Dose zu beachten. Langsam führte er seine Hand zu seiner Flasche mit Wasser, hob sie auf, öffnete langsam den Verschluss und nahm zwei kleine Schluck. Als wenn er in eine ganz andere Welt schauen würde, schauten seine Augen weiter in ein Nichts. Er setzte die geöffnete Flasche auf seine Oberschenkel, schraubte langsam den Verschluss wieder auf und stellte die Flasche dann dort wieder hin, wo sie vorher auch gestanden hatte. Nun beugte er sich langsam zu seiner Dose, hob sie auf und betrachtete deren Inhalt. Weder Freude noch Leid war seiner Mimik zu entlocken. Unbeholfen versuchte er einige Zeit, die Münzen aus der kleinen Dose zu fischen, bis er sie dann beide hatte. Er öffnete die Hand und starrte auf die Münzen, wie wenn es Gegenstände aus einer anderen Welt wären, mit dem er nichts anzufangen wusste. Lange hielt er seine Hand geöffnet und lange betrachtete er die Münzen und schien zu überlegen, was man mit diesen Dingen wohl machen könnte. Dann schloss er die Hand, legte sie auf seinen Oberschenkel und starrte durch die Menschenmenge, bis sein Blick sich an den Eingang der Fleischerei verfing. Wieder öffnete er seine Hand und betrachtet lange deren Inhalt. Dann endlich konnte er sich überwinden, langsam aufzustehen, um zur Fleischerei zu gehen. Geduldig reihte er sich in die ewige Schlange ein, die immerzu die beste Werbung für eine scheinbar günstige Einkaufsmöglichkeit gab. Schnell bildete sich vor und hinter ihm eine größere Lücke und man sah, dass sich die wartende Menge in dieser Gesellschaft nicht wohl fühlten. "Das reicht nicht für eine Wurst!" hörte ich die Verkäuferin sagen, als er seinen Wunsch äußern durfte. Dann legte die Verkäuferin ein trockenes Brötchen auf den Tresen, wechselte das Geld und legte ihm einige andere Münzen wieder in die Schale. Unbeholfen nahm er sein Wechselgeld und sein Brötchen und stellte sich an einem verwaisten Stehtisch um scheinbar seine Ruhe zu haben. Er schaute auf das Brötchen und schien zu überlegen, was er jetzt zu machen hat. Er blickte zu seinem Schlafsack, ging langsam zu seinem Eigentum, hob die Flasche mit Wasser auf und stellte sich wieder an seinen Stehtisch. Im Wechsel biss er dann ein kleines Stück aus dem Brötchen und nahm dann einen kleinen Schluck aus der Wasserflasche, bis nur noch einige Krümel vor ihm auf der Tischplatte lagen. Die Wasserflasche war zwischenzeitlich leer, aber wie ein wertvolles Utensil behandelte er das Glas, denn sicher war es eine Pfandflasche. Langsam ging er wieder zu seinem schmutzigem Schlafsack, klemmte die leere Flasche zwischen der Wand und seiner Schlafdecke, setzte sich hin und wackelte mit seinem Oberkörper erneut in den weiteren Abend hinein. Mir tat diese arme Seele unendlich leid. Er hatte in seiner großen Armut so etwas wie von Jesus Christus. Ich öffnete meine Geldbörse, an Münzen hatte ich aber nur zwei einzelne Markstücke und etwas Kleingeld. Ich zog einen Zehnmarkschein heraus und legte es ihm in seiner immer noch geöffneten Dose auf dem Boden. Traurige leere und ungläubige Augen schauten auf mich hoch, als ich den Schein in die kleine Dose gelegt hatte. Keine Geste der Dankbarkeit, keine Geste der Freude, der Mann schaute mich einfach nur an. Ich ging zu einer der vielen Bänke, die überall um das Steintorviertel aufgestellt waren, setzte mich hin und beobachtete diesen armen Menschen weiter. Ungläubig schien er den Schein lange zu betrachten, stand dann aber erneut auf und reihte sich erneut in die Schlange der wartenden Kunden. Mit einem Pappteller in der einen Hand und mit einer Plastiktasse in der anderen Hand stellte er sich wieder an einen leeren Stehtisch. Er hatte sich zwei Bratwürstchen und eine heiße Tasse Kaffee gekauft, die er nun ebenso langsam und bedächtig aufaß, wie vorher sein Brötchen. ...(Teil 3) (Link: http://www.wilhelm-janssen.de/news/artikel-6-jesus-in-hannover-teil-3.html) Beitrag aus der Rubrik Erlebnisse Artikel von http://www.wilhelm-janssen.de/
wilhem-janssen.de - Geschichten aus der Heimat Sämtliche Logos und eingetragene Warenzeichen sind Eigentum der jeweiligen Besitzer. © wilhelm-janssen.de |