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Das Chat ist ein anderes Kommunikationsmittel ! - Teil 2



...Es zeigte aber, dass Gerd keineswegs übertrieben hatte. Gerd hatte ein ganzes Archiv von Protokollen die er mir zeigen konnte. Auszugsweise las er mit Passagen vor, bei denen es um seine Legenden ging oder auch um Terminabsprachen für reale Treffs und damit SEX. ...mehr

Das mit dem Chaträumen und Body-Listen hatte ich verstanden. Auf einer Diskette gab Gerd mir dann ein kleines Progrämmchen mit, dass selbst ich auf meinem Rechner installieren konnte. Nun konnte ich es Gerd gleich tun, um mich auch mit Damen meines Herzens zu unterhalten.

Gleich aber der erste Abend in meinem stillen Kämmerlein war es im Chat ganz anders, als Gerd es mir gezeigt hatte. Da war nichts mit Legenden bauen, flotte Sprüche machen und schon gar nicht reale Treffs besprechen. Ich war anders als Gerd und somit hatte ich auch ganz andere Gesprächspartnerinnen.

Zunächst, also in der ersten Woche fand ich das Chatten einfach nur doof und reine Zeitverschwendung. Es mochte ja sein, dass Gerd seinen Spaß hat, aber ich konnte mich einfach nicht über die Schicksale der Menschen am anderen Ende der Leitung amüsieren.

In der Schule konnte Gerd gar nicht verstehen, warum ich nicht aus dem Chatten meinen "FUN" ziehen konnte. Wie immer witzelte er, hörte sich dann meine Argumente an, stockte kurz als wenn ein Motor einen Aussetzer hat und witzelte dann weiter.

Nach und nach aber wurden die Chatabende interessanter. Nun schreibe ich relativ schnell und gut formulierte Sätze sprudeln aus meinen Fingern wie Wasser aus einer Kieskanne. Das Schreiben ist mir noch niemals schwer gefallen und Erzählungen bringe ich schneller zu Papier als wenn ich es verbal erzählen sollte.

Zu meinem schnellem Schreibfluss mit den wortreichen Sätzen brachte ich zwei Vorzüge mit, die den Damen besonders gefielen: Im Täxt wahren nicht fiele Fähler ... und meine Dialoge hatten Stil. Anfragen beantwortete ich immer höflich und Anzüglichkeiten sind für mich ein Fremdwort.

Nun kenne ich das Chat schon mehr als 3 Jahre und zurückschauend sage ich: Zunächst fand ich es einfach nur doof. Dann wurde das Chatten interessant, dann klasse, dann witzig und dann einfach nur langweilig. Heute bin ich eher selten im Chat und auch nur dann, wenn ich einmal das Gefühl habe, mich ein wenig unterhalten zu wollen.

Die Form der Kommunikation ist im Chat komplett anders. Die fehlende nonverbale Komponente lässt Menschen zu Tieren werden. Männer lügen, dass sich die Balken biegen, Frauen urteilen, ohne sich ein Bild zu machen. Teilweise geht es im Chat zu wie auf einem Kriegsschauplatz, dann wieder wie auf einer Kontaktbörse für ausgehungerte Sexlüstlinge. Unterhaltungen von Mann zu Mann sind im normalen Chat nicht möglich, man(n) unterstellt gleich, dass man(n) schwul wäre. Was in einer Kneipe das normalste von der Welt wäre, ist im Chat schwer möglich, was in der Kneipe schwer möglich ist, ist kein Problem.

Viele Menschen im Chat sind leicht geneigt, relativ schnell über Themen zu sprechen, die "draußen" Tabuthemen wären. Sehr persönliche und intime Gefühle werden im Chat leicht erzählt, ja sogar Sexpraktiken, Neigungen und Wünsche, die der eigene Partner selbst nach 20 Jahre Ehe noch nicht kannte, werden tabulos ausgesprochen.

Gerade die Damen fühlen sich im Chat oft sehr verletzt. Ständig werden sie von flachgeilen Männern angeklickt, die direkt ihre Absichten äußern, ohne vorher einen Dialog zu führen. Oft heißt es nur: "Lust zu -cs- ? ...(Computersex)" . Andere Männer (wie beispielsweise der Gerd) lügen eine Welt zusammen, nur um für ein Wochenende ein weiteres Sexobjekt zu haben.

Das Chat ist ein Zufluchtsort für einsame Menschen und Menschen, die neurotisch behaftet sind. ...Fortsetzung (Teil 3)


Beitrag aus der Rubrik Familie + Freizeit



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